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Herbert Gruhl: Weder links noch rechts

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„Die Völker geben sich gern der Illusion hin, dass es letzten Endes immer irgendwelche Auswege geben werde. Sehr viele vernachlässigen darüber ihre eigene Landwirtschaft. Ihr Verhungern wird sie eines Tages eines anderen belehren; doch dann wird es für eine Umkehr zu spät sein. Welch tolle Blüten die Dummheit treibt, zeigen diese Jahre. Die Amerikaner erwarten, dass die Europäische Gemeinschaft ihre Landwirtschaft opfert, damit sie nach Europa exportieren können. Dagegen sagt sogar ein Ökonom, Maurice Allais: „Wenn wir unsere Grenzen ohne Zollerhebung den amerikanischen Agrarprodukten öffnen, würden wir unsere Landwirtschaft endgültig zerstören. Das wäre Selbstmord…. Dass Deutschland beispielsweise seine Bauern opfert, erscheint mir völlig untragbar“ “ (zitiert aus „Himmelfahrt ins Nichts“, Herbert Gruhl 1992)

Vor vierzig Jahren wurde aus einer „Sonstigen politischen Vereinigung“ die Partei „Die Grünen“. An der Gründung dieser Partei waren die verschiedensten Gruppen beteiligt. Ohne die damals in der „Grünen Aktion Zukunft“ um den früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Herbert Gruhl versammelten konservativ-bürgerlichen Ökologen wäre die Parteigründung damals nicht möglich gewesen.

Herbert Gruhl war der herausragende Vordenker der grünen Bewegung. Seiner Geisteskraft und seiner historisch-philosophischen Bildung hatten andere Gruppen nicht viel entgegenzusetzen. So konnte er nur allen im Wege stehen, die in der jungen Partei Einfluß, Macht und Positionen übernehmen wollten.

Mit dem ihm eigenen Ideal innerer Wahrhaftigkeit verkörperte Herbert Gruhl das Gegenteil des macchiavellistischen Machtmenschen. Ein Antipolitiker, der die Menschen nicht verführen wollte. Seine Skepsis und Überlegenheit mussten ihn unnahbar, arrogant und verbittert erscheinen lassen in den Augen derer, die ihm geistig nicht folgen konnten.

Gruhl machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für oberflächliches Geschwätz, Dummheit und Gleichgültigkeit, gegen die er zwanzig Jahre lang zu Felde zog. Die Herzen der Mehrheit konnte er damit nicht erreichen. Wer Menschen gewinnen will, muß ihnen Hoffnung geben. Gruhl konnte und wollte das nicht, weil es seiner redlichen Überzeugung nicht entsprach. Er konnte sich nicht verstellen, er verachtete Eitelkeit und Machtlust.

„Denn sieh, ich sehe seine Widersacher, und sie sind mehr als Lügen in der Zeit, – und er wird aufstehen in dem Land der Lacher, und wird ein Träumer heißen: denn ein Wacher ist immer Träumer unter Trunkenheit.“ (Rilke)

Ideologien und Religionen waren für Gruhl mehr oder weniger anthropozentrische Heilslehren, die dem Bedürfnis des Menschen nach Sinn und Hoffnung für die eigene Existenz entstammen. Durch und durch lebensfeindliche Ersatzreligonen erkannte er gleichermaßen im Sozialismus wie in der Wachstums- und Fortschrittsideologie unserer Zeit.

Gruhl hat wie kein anderer die aussichtslose Lage beschrieben, in der sich die Erde auch vor vierzig Jahren schon befand: Die drohende Auslöschung des Lebens durch die rasant fortschreitende Zerstörung der natürlichen Lebengrundlagen und eine außer Rand und Band geratene Menschheit, die auf Kosten der Zukunft lebt und zu langfristigem Denken und Handeln nicht in der Lage ist.

Rechts und links waren für Herbert Gruhl völlig unwichtige,     lächerliche Kategorien, die nur von den wirklich wichtigen Fragen ablenken konnten. Von seinen Widersachern wurden die üblichen politischen Schablonen indessen weidlich genutzt, um die Bewegung zu spalten und Gruhl zu entmachten. Die grüne Bewegung wurde von kommunistischen Kadern gekapert, konservative Kräfte an den Rand gedrängt. Für Herbert Gruhl konnte es nicht darum gehen, die Welt zu verändern. Ihm lag daran, die Welt zu bewahren.

Gruhl verließ die Grünen deshalb bald nach ihrer Gründung und gründete mit dem Rest der „Grünen Aktion Zukunft“ 1982 die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP). Auch hier konnte sich Gruhl 1989 mit einer konsequent ökologischen Position nicht mehr gegen menschliche und politische Widersacher durchsetzen. 1990 verließ er deshalb auch die ÖDP.

Gruhl musste immer wieder erfahren, dass langfristiges Denken und Handeln keine Chance hat, wo Ehrgeiz, Eitelkeit und Machtinteressen dominieren und kurzfristige Wahlerfolge gesucht werden. Das Versagen der Politik war für ihn aber nur einer der zahlreichen Faktoren, die den Weg in die Katastrophe beschleunigen. Seine Bücher sprechen eine klare Sprache und sind heute aktueller denn je.

Gruhl beschreibt den typischen Verlauf exponentieller Entwicklungen, die in der Evolutionsgeschichte noch immer in plötzlichen, katastrophalen Abbrüchen geendet haben. Das exponentielle Wachstum von Weltbevölkerung, Energieverbrauch, Welthandel, Wirtschaftsleistung und Müll ist seither ungebremst weitergegangen, neues Wachstum erhofft man sich von Scheinlösungen wie Elektromobilität und Regenerativen Energien. Für Gruhl war schon Umweltschutz durch Technik ein Irrweg, nun wird man auch aus dem Klimaschutz ein Geschäft und eine Wachstumsbranche zu machen versuchen.

Den Weg in die Katastrophe hätte nur eine radikale Absenkung des Energieverbrauchs verlangsamen können, aber den damit verbundenen Verlust an Wohlstand und Lebensstandard möchte keine Partei den Wählern zumuten. Zu den alten Absturzrisiken haben sich neue gesellt, die zu Gruhls Zeiten noch nicht im Vordergrund standen: der exponentielle Anstieg der weltweiten Verschuldung durch ein auf Kreditexpansion gründendes Finanzsystem.

Herbert Gruhl hätte sich nur gewundert, dass die Natur den Menschen noch immer geduldig erträgt. Die Natur lässt sich Zeit, nur der Mensch hat es eilig, in der kurzen Spanne seines Lebens möglichst viel Spaß und Erfolg zu haben, koste es, was es wolle. Die Wiederbelebung des verwüsteten Planeten und die Entstehung neuer Arten werden viele Millionen Jahre dauern. Ein naturverbundener Bauernsohn wie Herbert Gruhl vermochte noch in langen Zeiträumen zu denken.

siehe auch: https://www.herbert-gruhl.de