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„Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“

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So lautete der 1966 berühmt gewordene und vielfach kopierte Werbespruch der Deutschen Bahn, die damals noch keine AG war.    Auf dem Plakat war die 1952 in Betrieb genommene Einheitselektrolokomotive E10 (später 110) zu sehen, die sich unverdrossen ihren Weg durch eine tief verschneite Winterlandschaft bahnt. Damals glaubte man übrigens an eine neue Eiszeit mit denselben Folgen, wie sie heute für die Klimaerwärmung prophezeit werden: extreme Wetterereignisse, Dürren, Fluten, Hungerkrisen und schließlich: Das endgültige Aus für die Menschheit. Man lese und staune: zwischen 1940 und 1970 war die globale Durchschnitts-temperatur um 1,5 Grad gesunken! Väterchen Frost ließ herzlich grüßen!

Damals wurde die Bahn mit der Klimaherausforderung fertig. Und prahlte sogar damit. Die Züge fuhren bei minus 30°C ebenso wie bei plus 40 °C. Tatsächlich gab es auch inmitten der medial vermarkteten Eiszeitpanik Hitzetage (mit bspw. 37,8°C am 11.07.1959 in Berlin oder 38°C am 07.07.1957 in Bamberg). Natürlich ist es heute mit Hitzerekorden über 40°C heißer. Auch gibt es im Jahr deutlich mehr heiße Tage als in den 60er Jahren. In den letzten 50 Jahren ist es tatsächlich wärmer geworden.

Es geht in diesem Artikel nicht darum, die Klimaerwärmung zu „leugnen“, sondern um die Frage, warum 1966 robuste Technologien zur Verfügung standen und heute offenbar nicht mehr. Hat man im Geschwindigkeitsrausch bei der Entwicklung der ICE-Hoch-geschwindigkeitszüge, die fahrplanmäßig durchaus schon mal mit 330 km/h über die Schienen rasen, schlichtweg vergessen, dass es im Winter schon mal sehr kalt und im Sommer sehr heiß werden kann?

Der Fahrgastverband „Pro Bahn“ deutet so was an (wdr-Nachrichten vom 25.07.2019): „Der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn war der Ansicht, dass es in Deutschland nicht kälter als minus 7°C und nicht wärmer als 26°C, in der Spitze 30°C wird.“

Im Vergleich mit 2017 sind im Jahr 2018 doppelt so viele Fernzüge ganz (3.669) oder teilweise (12.784) ausgefallen. Mit dem Nahverkehr zusammen waren es 140.000. Auch in Sachen Unpünktlichkeit wurde mit 30% verspäteter Züge im Fernverkehr ein neuer Tiefstand erreicht, dabei wurden Totalausfälle und Verspätungen unte 6 minuten noch nicht mal mitgerechnet. Außer Baustellen und kaputten Zügen sind die Ursachen „witterungsbedingte technische Störungen“, beispielsweise: vereiste oder von Hitze verformte Weichen, gestörte Signale, überlastete Klimaanlagen. Züge fallen oft schon wegen Schneefall von wenigen Zentimetern, Gewitterregen oder Stürmen mit 100 km/h aus. Kann man da wirklich von „Extremereignissen“ reden? Oder sind unsere Technologien in all ihrer Komplexität zu fragil geworden?

In den Jahren 2017 und 2018 musste die Deutsche Bahn insgesamt 500 Millionen Euro Vertragsstrafen an unzufriedene Kunden bezahlen. Dieses Geld kann natürlich nicht mehr ins marode Schienennetz investiert werden. Für solche Geschäftspraktiken gibt es einen Begriff: Verschwendung.

Erdgeschichte ist Klimawandel

Klimawandel ist ein natürliches Phänomen, und Temperatursprünge innerhalb weniger Jahrzehnte sind keine Seltenheit. In den letzten 125.000 Jaren gab es 23 (!) sogenannte Dansgaard-Öschger-Ereignisse mit Temperaturanstiegen von bis zu 12°C innerhalb weniger Jahrzehnte. Seit Beginn der Agrarisierung vor 10.000 Jahren gab es mindestens drei Phasen, in denen es deutlich wärmer war als heute: vor 5.000 Jahren, als sich mit Sumer, Akkad und Ägypten die ersten Hochkulturen etablierten, in der Römerzeit und in der mittelalterlichen Warmzeit. Es ist richtig, dass abrupte Temperaturänderungen zu Hungersnöten und gesellschaftlichen Verwerfungen führten. Aber der Mensch ist in den vergangenen 3 Millionen Jahren mit all dem fertig geworden.

Wenn der neuerliche Klimawandel der Menschheit den Garaus macht, wie Fridays for Future befürchtet, dann nicht wegen des CO2-Ausstoßes. Als die Antarktis vor 30 Millionen Jahren vereiste, lagen die CO2-Werte bei etwa 1.000 ppm. Damals gab es noch keine Menschen. Der Mensch ist ein Kind der Eiszeit, hat jedoch besonders in den Interglazialen (Warmzeiten innerhalb der Eiszeit) enorme Entwicklungssprünge gemacht.

Mit 280 bis 350 ppm war der CO2-Gehalt der Atmosphäre in den letzten 800.000 Jahren sehr niedrig. Eine Hungerzeit für die gesamte Pflanzenwelt, die CO2 zum Wachsen braucht. Heute liegt der Wert bei 417 ppm. Mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit geht der Anstieg auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurück. Natürlich verändert es die Welt und die Atmosphäre, wenn die Evolution eine außerordentlich vermehrungsfreudige Spezies hervorbringt, die in 10.000 Jahren nicht nur mehr als die Hälfte des Weltbaumbestandes abholzt, sondern auch noch damit anfängt, jeden Tag 100 Millionen Barrel Rohöl zu verfeuern.

Glaube versetzt keine Berge

Wenn der aktuelle Klimawandel der Menschheit den Garaus machen sollte, dann jedoch nicht wegen 417 ppm in der Atmosphäre, sondern weil der Mensch beharrlich ignoriert, dass der Klimawandel zur Erdgeschichte gehört wie der Osterhase zu Ostern. Mit erstaunlicher Besessenheit versteift man sich nun in Deutschland darauf, dass wir mit Wind- und Sonnenenergie, Elektrifizierung, Digitalisierung, CO2-Zertifikaten und läppischen Klimapaketen nicht nur den von uns verursachten CO2-Ausstoß, simsalabim, ungeschehen machen, sondern damit auch gleich das gesamte Klima steuern und jedweden Klimawandel bis in alle Ewigkeit aufhalten können.

Klimawandel ist ein hochkomplexes, multifaktorielles Geschehen mit Rückkopplungseffekten und damit ein chaotisches System. Wir greifen den CO2-Ausstoß heraus und setzen ihn absolut, weil er der einzige Faktor ist, den wir vielleicht irgendwie beeinflussen können. Wir tun das, weil wir an den menschengemachten Klimawandel glauben wollen. Dieser Glaube ist verführerisch. Solange wir uns mit dem Klima ablenken, denken wir nicht über die wirklich menschengemachten Probleme nach: die Bevölkerungsexplosion, die Technikabhängigkeit, die Überschuldung, den Bürokratismus, die Aushöhlung der Demokratie. In der Klimadebatte erliegen wir der Illusion, dass sich all diese Probleme wie durch ein Wunder von selbst lösen, wenn wir nur das Klima in den Griff kriegen. Doch dahinter steckt noch mehr. Es ist nämlich nicht der Glaube, der Berge versetzt, sondern Geo Engineering. Der Mensch sucht nach neuen Betätigungsfeldern für neue Technologien, schließlich muss die Wirtschaft wachsen. Climate Engineering, mit dem das Klima an unser fragiles High-Tech-System angepasst wird, dürfte nach all den Millionen- und Milliarden-Geschäften der Vergangenheit das neue Billionengeschäft der Zukunft werden.

Die EU steht ja schon bereit, in den nächsten Jahren fürs Klima eine Billion an Steuergeldern zu verschwenden, die man auch besser anlegen könnte: nämlich in robuste Technologien, die Temperaturunterschiede von 50°C locker aushalten. Es würde uns in jeder Hinsicht weniger kosten, wenn wir die Technologien dem Klimawandel anpassten anstatt umgekehrt das Klima unseren immer fragiler werdenden Technologien.

Wir brauchen nicht immer noch effizientere Technologien, um zu verschleiern, dass es eben diese Technologien sind, die die Natur in immer größerem Ausmaß zerstören. Wir brauchen keine weitere Beschleunigung, keine weitere Vernetzung, keine weiteren Informationsfluten. Was wir brauchen, sind robuste, gerne auch langsamere Technologien, die sowohl unsere Hypermobilität als auch Überproduktivität auf ein normales Maß zurückschrauben. Das gilt nicht nur für die Bahn, sondern ebenso für die Energie- und für die Landwirtschaft, wie auch für die meisten sonstigen Bereiche unserer übertechnisierten Existenz.

(Marian E. Finger ist Schriftsteller und lebt in Frankreich)

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