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Energiewährung

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John Law (1671-1729), der Erfinder des Papiergeldes, war nicht nur ein Mathegenie, sondern auch ein professioneller Glücksspieler, der mit Kartenspielen mehrmals ein riesiges Vermögen anhäufte, es jedoch in seiner Eigenschaft als Geschäftsmann, Bankier und Finanzminister regelmäßig wieder verlor. Seinen ersten Deal machte John Law schon als Internatsschüler, als er beim Kartenspiel Hornknöpfe anstelle von Münzen einsetzte. Nun ja, es stimmt nicht wirklich, dass John Law das Papiergeld erfunden hat. Ein Jahrhundert vorher war die Bank von Amsterdam dazu übergegangen, Papiergeld zu drucken, wobei die Bank jedoch streng darauf geachtet hatte, dass dem auf dem Papier gedruckten Wert in ihren jeweiligen Bankhäusern akkurat dieselbe Menge an Edelmetall-Münzen gegenüberstand, sodass der Vorteil des Papiergeldes lediglich in der Vereinfachung des Transports bestanden hatte. Straßenräuber guckten fortan in Holland in die Röhre. John Laws eigentliches „Verdienst“ war jedoch, dass er mehr Geld in Umlauf brachte, als es seinerzeit Münzen gab, weil er als Gegenwert auch noch gar nicht erwirtschaftete, erst künftige Einnahmen aus den neu erworbenen Kolonien zuließ, wobei es sich dabei im Wesentlichen natürlich um die Ausbeutung von Bodenschätzen (Gold) und Menschen (Sklaven) handelte.
Für den französischen Staat, dessen Finanzen John Law nach dem Tode des Sonnenkönigs Louis XIV. verwaltete, endete das Experiment 1715 in einem Desaster, umso mehr, als der Interimsregent, der Duc d’Orléans, hinter dem Rücken von John Law Geld hatte drucken lassen, um seine immensen Schulden zu begleichen. John Law ließ seine Familie in Frankreich als Geiseln zurück und flüchtete nach Italien.

John Laws Finanzexperimente offenbaren die Schwäche des gängigen Geldsystems: der Realwirtschaft mit den materiellen Gütern steht mit der Finanzwirtschaft ein immaterielles System aus reinen Zahlenwerten gegenüber. Es ist wesentlich leichter, durch Kartenspielertricks die Zahlenwerte zu vervielfachen als durch Fleiß die Werte der Realwirtschaft. Während in der Realwirtschaft gilt, dass von nichts eben auch nichts kommt, kann man im Finanzsystem ohne Weiteres Geld aus dem Nichts schöpfen. Diese Versuchung ist so groß, dass keine Bank und kein Staat, die das Recht zum Gelddrucken hatten, ihr jemals dauerhaft widerstanden haben. Immer und immer wieder kommt mehr Geld in Umlauf als dem reale Werte gegenüberstehen. Immer und immer wieder erfinden Banken und Staaten neue Finanzinstrumente für diese wundersame Geldschöpfung aus dem Nichts. Immer und immer wieder kommt es dann irgendwann zum Zusammenbruch und zur großen Wirtschaftskrise, unter der vor allem diejenigen leiden, die mit Zocken, Tricks und Glücksspiel gar nichts am Hut haben.

Die wundersame Geldvermehrung

Laut Wolfgang Schorlau in seinem Krimi Der große Preis stand bereits zur Zeit der Griechenland-Krise (2010) den realen Gütern – inbegriffen nicht nur Edelmetalle, sondern auch alle anderen Rohstoffe, Häuser, Straßen, Eisenbahnen, Schiffe, Fabriken, Bügeleisen, Computer, Krankenhäuser, Staubsauger, Bleistifte und sonstigen Güter –, die zwölffache Geldmenge gegenüber. Das heißt, der damals vorhandenen Geldmenge in Zahlen entsprachen die Wirtschaftsgüter von zwölf Menschheiten wie der unseren. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ein Euro im Jahr 2010 in Wirklichkeit nur 8,34 Cent wert war.

Entstanden ist die riesige Geldmenge nicht nur durch Schulden, sondern vor allem durch den Handel auf diese Schulden, mit den Derivaten, Swaps und was es sonst noch so alles an undurchschaubaren Finanzinstrumenten in der Branche gibt. Seit der Griechenland-Krise ist die Schöpfung von Geld aus dem Nichts vollends eskaliert, vor allem auch dadurch, dass die EZB unter Mario Draghi nichts Besseres zu tun hatte, als den Begriff Bürger allzu wörtlich und diesen für die faulen Kredite der modernen Zockerbande in Haftung zu nehmen. Ein Euro dürfte deshalb heute noch weit weniger als 8,34 Cent wert sein.

Gold macht arm

Man könnte nun meinen, das Problem mit dem Geld ließe sich dadurch lösen, dass die Geldmenge strikt begrenzt würde, beispielsweise durch den Goldstandard. Auf der Welt gibt es eine bestimmte Menge Gold, und die ist eben begrenzt und endlich. Die Bindung von Geld an Gold würde jeder wundersamen Vermehrung der Geldmenge ein Ende setzen. Auch das ist immer wieder versucht worden, beispielsweise durch das 1944 in Bretton Woods getroffene Abkommen, das die Goldparität des Dollar in seiner Eigenschaft als Leitwährung vorgesehen hatte. Nachdem Richard Nixon die Goldbindung 1971 aufgehoben hatte, wurde das Abkommen 1973 außer Kraft gesetzt.

Der grundlegende Fehler eines ans Gold gebundenen Systems ist jedoch, dass bei gleich bleibender Geldmenge eine stark wachsende Bevölkerung automatisch verarmen muss. Derselbe Kuchen muss bei mehr Kuchenessern in immer kleinere Stücke verteilt werden, wobei bei einer Bevölkerung von acht Milliarden für den Einzelnen de facto nicht mal mehr ein Goldkörnchen übrigbleiben würde.

Gold hat übrigens ebenso wie Papier keinen Wert an sich, sondern nur den Wert, den wir ihm beimessen. Vor fünfzig Jahren war eine Briefmarkensammlung eine Wertanlage. Inzwischen sind Briefmarken jedoch aus der Mode gekommen. Ebenso kann natürlich auch Gold irgendwann aus der Mode kommen.

Die zu lösende Aufgabe besteht kurz gesagt darin, ein Geldsystem zu schaffen, welches die Realwirtschaft in ihrem Wachsen und Schrumpfen adäquat nachbildet. Es darf nicht so sein, dass ein immaterielles und damit letztendlich willkürliches Zahlensystem zu annähernd hundert Prozent den Wert der Realgüter bestimmt. Wenn ein aus Indien oder Bangladesch importiertes T-Shirt aus Baumwolle nur drei Euro kostet oder die Aufzucht eines Schweins dem Bauern unterm Strich nicht mehr als sechs Euro einbringt, dann stimmt mit unserer Wirtschaftsweise grundsätzlich etwas nicht. Deshalb muss das Verhältnis zwischen Geld und Realgütern auf eine andere Basis gestellt werden, dahingehend, dass es die Realgüter sind, die das Geldsystem festlegen oder doch zumindest wesentlich mitbestimmen und nicht umgekehrt.

Wie das zu erreichen ist, darüber hat sich der Ingenieur Olaf Schilgen tiefschürfende Gedanken gemacht. Leider ist seine Website momentan mehr oder weniger vom Netz, sodass ich nicht auf seine Arbeit verlinken kann.

Olaf Schilgens Grundidee besteht darin, ein beliebiges Produkt nicht als fertigen Gegenstand zu sehen, sondern vielmehr als Endstufe eines Herstellungsprozesses, wobei in jedem einzelnen Teilschritt eine bestimmte Energiemenge aufgewendet worden ist. Es ist eine knallharte physikalische Tatsache, so Schilgen, dass ohne Energieeinsatz gar nichts geht.
Der erste Schritt in diesem Prozess ist die Gewinnung des Rohstoffes. Im Bergbau ist das Eisenerz, Kohle, Kalium, Seltene Erden, Gold, Bauxit zur Aluminiumherstellung, wie auch immer. In der Landwirtschaft Getreide, Zuckerrüben, Milch. Um den jeweiligen Rohstoff zu gewinnen, braucht es im Bergbau die entsprechenden Maschinen und Bohrtechniken. In der Landwirtschaft den Traktor, den Mähdrescher und den Stall oder die Lagerhalle. Nicht nur muss der direkte Einsatz von Energie in Form von Strom, Diesel, Gas oder Erneuerbare berechnet werden, die benötigt wird, um all die eingesetzten Maschinen zu betreiben, sondern auch die Energie, die wiederum in der Herstellung der jeweils verwendeten Maschinen steckt.
Analog muss in jedem weiteren Verarbeitungsschritt die pro Produkt aufgewendete Energiemenge berechnet werden.

Je fragmentierter ein Herstellungsprozess ist, sich also über viele Teilschritte erstreckt, desto mehr Energie steckt im Endprodukt. Umso mehr, wenn die verschiedenen Zwischenprodukte zur weiteren Verarbeitung auch noch kreuz und quer durch alle Kontinente transportiert worden sind. Denn selbstverständlich fließen auch sämtliche Transportkosten anteilig in den Energiewert des Endproduktes mit ein.

In der auf dem Wochenmarkt gekauften Kartoffel steckt sehr viel weniger zusätzlicher Energieaufwand als in der gleichen Menge Kartoffelchips aus dem Supermarkt. Zur Energie, die für den Anbau und die Ernte der Kartoffel aufgewendet wird, addiert sich im Falle der Chips die Energie für die Verarbeitung der Kartoffel inklusive der anteiligen Energie für den Bau der Kartoffelchipsmaschine plus die Energie für die womöglich energieaufwendig beschichtete Tüte sowie der Energieanteil der jeweiligen Transporte zur Chipsfabrik und von dort in die Supermärkte. Wenn der Energiewert den Preis des Endprodukts bestimmt, kann es also niemals sein, dass ein Kilo Chips billiger ist als ein Kilo Kartoffeln.

Mit den heutigen Methoden des Data Mining lassen sich die Energiemengen, die tatsächlich in jedem einzelnen Produkt stecken, durchaus ermitteln und zusammenführen. Die Energie ist das, was die einzelnen Produkte auf materiell-energetischer Ebene miteinander ins Verhältnis setzt, so wie das heute ausschließlich der Geldwert tut. Mit Energie als Währung wird der Herstellungsprozess im Preis abgebildet. Ob man darüber hinaus nationale Währungen braucht, sei mal dahingestellt. Im Endeffekt dürfte die Ermittlung der Energiemengen pro Produkt wesentlich einfacher sein als die Errichtung der derzeit überall entstehenden Systeme zur Überwachung und Analyse von Menschen. Die Energiewährung ist technisch möglich, man muss sie nur wollen.

Mit der Energiewährung lassen sich zahlreiche Probleme auf einmal lösen: Die regionale als die energiesparendere wäre gegenüber der globalen Wirtschaft eindeutig im Vorteil. Mit der Energiewährung könnte ein Kilo Äpfel aus Neuseeland niemals mit einem Kilo Äpfel aus der Region konkurrieren. Man könnte auf sämtliche komplizierten Export- und Importgesetze, Zölle und Zollbeschränkungen, Freihandelsabkommen, Verbote und sonstigen Regelungen verzichten. Der Verbraucher kann Äpfel aus Neuseeland kaufen, wenn er denn die anfallenden Energiekosten mitbezahlt.

Mit der Energiewährung wird ein Anreiz gesetzt, auf Fertigprodukte zu verzichten, denn nun lohnt es sich wieder, vieles selber zu machen und eine kleine Landwirtschaft oder einen Garten zu betreiben. Es lohnt sich, langlebige Produkte herzustellen, die repariert werden können. Wenn die Realgüter durch die Berechnung des anfallenden Energieaufwands im Wert steigen, schiebt das jeder Überproduktion einen Riegel vor. Weder der Endverbraucher noch die Unternehmen werden sich Verschwendung leisten, wenn sie sich im Preis adäquat widerspiegelt. Vielleicht stellt sich heraus, dass sich bei Inrechnungstellung der tatsächlich eingesetzten Energie Roboter in vielen Bereichen gar nicht lohnen. Die Energiewährung verhindert eine weitere Fragmentierung der Arbeitswelt und führt langfristig zu einem ganzheitlicheren Wirtschaftssystem, das mehr und mehr auf sogenannte „Bullshit Jobs“ verzichten und wieder zu sinnvoll erlebter Arbeit zurückkehren kann.

Es genügt nicht, nur die „schmutzigen“ Energien aus Kohle, Öl, Gas und Atomkraft durch angeblich „saubere“ zu ersetzen und dabei das bisherige Geld- und Wirtschaftssystem beizubehalten. Unser Problem ist, dass wir die materielle Welt und die materiellen Güter nicht wirklich wertschätzen und deshalb nicht bereit sind, entsprechend dafür zu arbeiten. Wenn wir tatsächlich eine andere Welt und eine andere Wirtschaftsweise wollen, müssen wir umdenken und Nägel mit Köpfen machen.